Männersache

Delfine erlösen und Kakerlaken streichelnMännersache

Fassungslos höre ich von Freunden, die sich mit Gleichgesinnten auf das Motorrad setzen und in den Süden brausen. Andere mieten mit Kollegen eine Yacht, um zwischen den Schären auf Wikinger zu machen. Ich nicht. Ich bin mir meiner Verantwortung bewusst und fahre mit der Familie auf Urlaub, 21 lange Tage Club-Aufenthalt auf Gran Canaria.

Vorweg: Das Personal in dem Club hatte sich größte Mühe gegeben, uns nicht als Insassen zu behandeln, auch mussten wir keine Häftlingskleidung tragen. Dennoch war die Qualität der Speisen sicherlich dem Koch zu schulden, der wiederum sein Wissen aus der Broschüre “Wie Sie 300 Menschen kostengünstig satt bekommen” bezog, eine beliebte Fachfibel in Gefängniskreisen. Wobei die Kinder ganz begeistert waren von den Pommes, die bereits die Hälfte des Frühstückbuffets ausmachten. Spätestens beim (leider nicht) letzten Abendmahl waren dann auch alle aufgegessen.

Vor mir entstand die Vision meiner Kumpel, die ihre Bratwürste am Stecken ins Lagerfeuer halten, aus der Seitentasche der Harley Davidson ragen fünf verschiedene Saucenspender von Cool Chili bis Hot Habanero.

Dafür warteten in der Realität auf mich und die Meinen Animateure, die uns zwischen AAA (Artistic-Aqua-Animation), BBB (Beach-Billard-Bowling) und (ZZZ) Zuckerschlangen-Zauber-Zumba kaum Zeit zum Atmen ließen.

Wieder erschienen mir meine Freunde, nun im Apres-Lagerfeuer-Modus, eine Flasche Gerstensaft in der Hand, wie sie nach dem Grillen den Grillen lauschten.

Familienabenteuer

Es raschelte. Es war Nacht, stockfinster, und im Club-Appartement war meines Wissens nach nichts, was rascheln dürfte. Ich lag auf einer Matratze am Boden der Küche, zugedeckt mit einem Handtuch. Ein Zugeständnis an das Bedürfnis der Kinder, bei der Mutter, meiner Frau, im Schlafzimmer zu liegen. Dann wieder Stille. Wieder rascheln, auffällig. Vor meinem geistigen Auge huschte eine kleine Maus durch den Raum. Aber womit sollte sie rascheln? Mit ihren Trippel-Füßchen? Oder einem Tüllkleidchen, das sie zur Mäusehochzeit trug? Ich versuchte mein geistiges Auge neu zu kalibrieren. Statt neuer Tiere, entstand ein neues Bild: Ich, auf dem Weg zum Lichtschalter, durch die Finsternis torkelnd. Ich folgte diesem Bild. Licht.

Ich sah mich um, der Raum lag nun in Helligkeit vor mir, so unaufgeräumt, wie ich ihn erwartete. Kein Rascheln. Kein Tier. Ich bückte mich und suchte in der Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. Unter dem Kühlschrank zeigte sich ein dunkler Fleck. Bei näherer Betrachtung fühlte ich mich in eine Folge von “Universum” mit dem Titel “Riesen-Insekten” versetzt. Eine Kakerlake lag auf dem Rücken. Wenn Sie zappelte, entstand das Rasseln. Es war ein Todeskampf. Sollte ich mehr Angst haben vor dem Tier oder vor dem Gift, dass offensichtlich gesprüht worden war, um die Tiere zu beseitigen?

Oder sollte ich noch mehr Angst vor den Gesichtern meiner Freunde haben, denen ich meine Geschichte erzählen würde. Und die dann wiederum von einem Rascheln in der Nacht bei Ihrem Trip durch die Wildnis der Provence erzählen, in der Hauptrolle ein Diamant-Klapperschlangennest, das im letzten Moment durch Ausräuchern entschärft werden konnte.

Whalewatching

Mut konnte ich am nächsten Tag beweisen: Whalewatching war angesagt. Also mit dem Skipper rausfahren, einreihen in der Wal-Community, die Säuger an der Heckflosse kraulen und in der Gischt den Delfinen ausweichen, die über das Boot springen. Oder so. Natürlich lief es ein wenig anders ab.

Wir nahmen mit rund 80 anderen Interessierten auf einem Katamaran Platz, ich erkämpfte mir einen Schattensitz, jawohl! Die Crew informierte uns über Sicherheitsmaßnahmen, die Tiere, die wir zu Gesicht bekommen würden und ja, falls irgendjemand übel werden sollte, dann soll er es rechtzeitig mitteilen.

Wir verließen den sicheren Hafen und, tatsächlich, eine schwangere Frau verlangte nach Hilfe, die sie in Form einer Kotztüte auch bekam, konkret bekam sie ein Plastiksackerl. Naja, typisch, oder? Wer sonst braucht so was? Nun, noch rund ein Drittel der Teilnehmer nach ihr. Und Sie können mir glauben, kollektives Kotzen hat etwas Beruhigendes. Es nimmt einem das Gefühl, ein Versager zu sein, wenn man nicht allein ist. Ich weiß, wovon ich rede. Im Nachhinein war ich froh, dass ich nicht das Package mit “Mittagessen an Bord” gewählt hatte, obwohl da wirklich verlockend stand: “Essen Sie so viel Sie können.” Ein unschlagbares Angebot, für beide Seiten.

Und Wale: Waren angeblich da, nur konnte ich mir die Begeisterung nicht abringen, sie auch anzuschauen … Und da hatte ich sie natürlich wieder alle vor mir, meine Kollegen vom Segeltörn in Skandinavien. Wie Sie Ausschau nach dem Seeteufel halten, Ihre Netze auswerfen und ihre Harpunen fertig machen. Wie sie nach erfolgreicher Jagd einander auf die Schulter klopfen, sich das Meerwasser von der Fischerkluft schlagen und erhobenen Hauptes die Nebelschwaden anvisieren.

Es ist entschieden, meine Freunde: Nächstes Jahr geh ich zum Harley-Händler und fahre mit euch die Route 66, anschließend reiten wir Elche in Kanada und machen zuletzt eine Testfahrt im Formel 1-Boliden in Monza! Auf mich könnt ihr zählen! Abenteuer, ich komme! Zum Abschluss nur eine Frage: Hat vielleicht irgendwer Kindersitze für diese Untersätze übrig?

Sie erkennen, dass Sie auf der falschen Reise sind, wenn…

…Sie sich am ersten Urlaubstag die Arbeit aus dem Büro nachschicken lassen.

…Sie die ausgefüllten Sudokus ausradieren, um sie alle noch einmal zu machen.

…Sie sich bei der Rezeption beschweren, dass unter den 60 TV-Kanälen nur zwölf deutschsprachige Sender sind.

…Sie bei dem Wort “Ausflug” hoffen, dass der Flug ausfällt.

…die Geldwährung, die Sie mitführen, schon seit einem Jahrzehnt nicht mehr gilt.

Hier können Sie die komplette Ausgabe anfordern …

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