Sportverletzungen Teil 2

sportverletzungenDie ersten Wochen nach Verletzungen

In der Winter Ausgabe bin ich darauf eingegangen, wie man mit der PECH-Regel (Pause, Eis, Compression, Hochlagern) auch als medizinischer Laie in der akuten Verletzungssituation, sowie der etwa 2 Tage dauernden vaskulären Entzündungsphase, die Basis für eine optimale Wundheilung legen kann. Diesmal möchte ich mich damit beschäftigen, wie man sich in den ersten Wochen nach einer körperlichen Verletzung verhalten sollte, um den Heilungsprozess optimal zu unterstützen.

Vom 3. bis etwa zum 5. Tag nach der Verletzung kommt es zur Einwanderung von Zellen in das Verletzungsgebiet, während die typischen Entzündungssymptome (Schwellung, Rötung, Wärme, Schmerz) langsam wieder abnehmen – man spricht von der sogenannten zellulären Entzündungsphase. Die primären Ziele in dieser Phase sind weiterhin einerseits das Schmerzempfinden zu reduzieren und andererseits die Schwellung möglichst gering zu halten. Ersteres lässt sich z.B. durch physiotherapeutische Anwendungen wie Interferenzstrom oder wenn es gar nicht anders geht, mittels schmerzstillender Medikation erreichen. An dieser Stelle nochmals der Hinweis: Da der Körper die Entzündung braucht, um die Verletzung analysieren zu können, sollten nur Schmerzmedikamente zum Einsatz kommen, die nicht gleichzeitig auch entzündungshemmende Wirkung besitzen!

Um die Schwellung so gering wie möglich zu halten, kann die betroffene Stelle weiterhin mittels Bandagen leicht komprimiert und hochgelagert werden. Stellen Sie dabei sicher, dass Bandagen unabhängig von der Verletzungslokalisation immer ganz distal (körperfern) beginnen (d.h. auch bei einer Knieverletzung schon bei den Zehenspitzen beginnen). Da der Stoffwechsel im Bereich der verletzten Stelle jedoch nicht reduziert werden darf, sollte nun auf die aggressive Anwendung von Eis verzichtet werden. Erfolgversprechend hingegen sind Topfenwickel, da der Topfen (kein Magertopfen!) dem Gewebe Flüssigkeit entzieht. Das betroffene Gebiet sollte außerdem weiterhin immobilisiert bzw. nur im sogenannten Matrixbereich bewegt werden. D.h. kleine Bewegungen im schmerzfreien Bereich sind durchaus erlaubt und sinnvoll. Die angrenzenden Gelenke dürfen und sollen auch wieder ganz normal bewegt werden.

Exkurs: Schmerz als Leitfaden der Therapie?

Unser Immunsystem lässt sich grob in ein spezifisches und ein unspezifisches Immunsystem gliedern. Ersteres veranlasst eine gezielte Reaktion auf unerwünschte Eindringlinge wie Bakterien, Viren, Schimmel oder Parasiten. Eine unspezifische Immunreaktion – wie sie eben auch bei Bindegewebsverletzungen wie Verletzungen des Kapsel-Bandapparates ausgelöst wird – geht jedoch auf den gesamten Körper. Obwohl die Verletzung nur lokal eingetreten ist, tut einem dennoch alles weh, weil sich die Sensibilisierung der Nervenfasern nicht auf das betroffene Gebiet beschränkt, sondern im gesamten Körper stattfindet. Oft wird diese unspezifische Immunsystemreaktion als überschießende Reaktion interpretiert, was viele Ärzte dazu veranlasst, entzündungshemmende Medikamente zu verschreiben. Wie im letzten Artikel genauer beschrieben und auch oben schon erwähnt, braucht der Körper die Entzündung jedoch, um die Verletzung analysieren und entsprechende Heilungsmaßnahmen setzen zu können.

Nach Abklingen der Entzündung kann man – unter der Voraussetzung, dass man nicht unter Einfluss von schmerzstillenden Medikamenten steht – das eigene Schmerzempfinden sehr gut als Indikator für passendes bzw. überlastendes Training hernehmen. Grundsätzlich sind dabei zwei Schmerztypen zu unterscheiden: Der primäre A-Delta-Schmerz und der sekundäre C-Schmerz.

A-Delta: Dieser Schmerz dient als Warnsignal vor möglichen Verletzungen und ist im Training erlaubt. Er ist vom C-Schmerz dadurch zu unterscheiden, dass er adaptiert, d.h. bei Bewegung abnimmt. Anders ausgedrückt: Löst Bewegung Schmerzen aus, die aber nach ein paar Wiederholungen wieder deutlich abnehmen, so darf das Training fortgesetzt werden.

Wichtig: Da Sehnengewebe physiologisch etwas anders aufgebaut ist als Kapsel- und Bandgewebe, gilt diese Überlegung nicht für Sehnenverletzungen. Hier muss deutlich vorsichtiger vorgegangen werden!

C-Schmerz: Der C-Schmerz ist beim Bewegen/Trainieren ein Indikator dafür, wie weit man gehen kann. Im Gegensatz zum A-Delta-Schmerz adaptiert er nicht, sondern er sensibilisiert, d.h. er wird bei wiederholter Reizung immer stärker. Anders ausgedrückt: Bleibt mein bekannter Schmerz trotz Bewegung gleich oder wird weniger, so bin ich in einer Belastungsintensität, die dem Gewebe die nötigen mechanischen Reize liefert, um sich optimal zu entwickeln. Löse ich durch die Bewegung jedoch einen neuen, unbekannten Schmerz aus oder werden die bekannten Schmerzen stärker, so überlaste ich die Strukturen.

Proliferationsphase

Die Proliferationsphase setzt langsam parallel zur zellulären Entzündungsphase ein und dauert bei Kapsel- und Bandverletzungen etwa bis zum Ende der dritten Woche nach Verletzung. Neben der Neubildung von Blut- und Lymphgefäßen kommt es vor allem zur Neuproduktion der sog. Kollagenfasern, die dem Bindegewebe seine Stabilität geben.

In dieser Phase ist es für eine optimale Wundheilung unerlässlich, das Gewebe adäquat zu be- und entlasten. Im Vordergrund steht die Verbesserung der Mobilität. Um die Entstehung pathologischer Crosslinks („Verklebungen“) zwischen den Kollagenfasern zu verhindern, bzw. bereits entstandene wieder zu lösen, sollte mit aktiven Bewegungen im geringen Ausmaß begonnen werden. Nach und nach kann die Bewegungsamplitude vergrößert werden, bis wieder das volle Bewegungsausmaß hergestellt ist. Sollten nach 4-6 Wochen immer noch Bewegungseinschränkungen zurück geblieben sein, sind therapeutisches Dehnen und Querfriktionen nötig.

Neben dem Mobilitätstraining sollte auch der Koordination Aufmerksamkeit geschenkt werden. So können erste koordinativ herausfordernde Übungen zunächst in geringem, später auch in größer werdendem Bewegungsausmaß bewusst erlernt werden. In weiterer Folge sollten diese Übungen dann unter Betonung des Gleichgewichts erschwert werden (z.B.: einbeinige Übungen, labile Unterlagen, geschlossene Augen).

Zusätzlich sollte zur optimalen Unterstützung des Rehabilitationsprozesses bereits in der Proliferationsphase mit begleitendem allgemeinen Ausdauer- und Kraftausdauertraining in nicht von der Verletzung betroffenen Bereichen begonnen werden. Zu beachten gilt, dass die Schmerzen gegen Ende der Proliferationsphase (ca. Ende der 3. Woche nach der Verletzung) üblicherweise schon deutlich nachgelassen haben, während die Stabilität des Wundgebietes noch nicht annähernd jene eines gesunden Gewebes erreicht hat. Dementsprechend ist bei all zu sorglosem Umgang mit der neu gewonnenen Schmerzfreiheit eine Rezidivprovokation in der 3. bis 5. Woche nach der Verletzung besonders hoch.

Wie oben beschrieben, kann und soll man zur optimalen Unterstützung der Wundheilung bei Kapsel- und Bandverletzungen somit schon weit früher mit gezielten Übungen begonnen werden, als meist angenommen wird. Entscheidend bei dieser Aussage ist aber sicher das „gezielt“, denn während zu wenig Belastung den Heilungsprozess nicht optimal unterstützt, führt zu viel schnell zum Wiederaufflammen der Entzündung oder gar zur neuerlichen Verletzung. Es sollte daher am besten auf einen erfahrenen Therapeuten zurückgegriffen werden.

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