Burnout

Ein typisches Symptom unserer Zeit

BurnoutDie heutige Zeit ist nicht nur von Hektik, Vielfalt und Leistung geprägt, sondern auch durch Beziehungs­losigkeit und Unverbindlichkeit im Dienst der Leistungsmaxi­mierung.

Im Falle einer Burnout-Krise nimmt bereits im mittleren Berufs­alter die psy­chische Belastbarkeit zunehmend schon in den Dreißigern ab. Menschliche Überforderungen und Enttäu­schungen führen zu emotionaler Erschöpfung und Resignation. Der phasische Verlauf kann bis zur Entfremdung von sich selbst und zu völligem Rückzug von anderen Menschen führen und zu Depression und körperlichen Erkrankungen führen.

Die Hauptsymptome des Burnout sind nach Maslach und Jackson (1981):

  • Die emotionale Erschöpfung
  • Die so genannte „Depersonalisation“
  • Die Leistungseinbuße

Emotionale Erschöpfung
Sie zeigt sich in chronischer Müdigkeit, allein schon beim Gedanken an die Arbeit, Schlafstörungen, diffuse körperliche Beschwerden, Krankheitsanfälligkeit.

Depersonalisation – Dehumanisierung
Negative, zynische Einstellung zu Kolleg­Innen, negative Gefühle den Hilfesuchenden gegen­über, Schuldgefühle, Rückzug, Vermeidungsverhalten und Reduzierung der Arbeit, auto­matisches, schablonenhaftes „Funktionieren“.

Leistungseinbuße
Reduzierte Leistungsfähigkeit und Leistungs­zufriedenheit. Subjektives Gefühl der Erfolglosigkeit und Machtlosigkeit, fehlende Anerkennung, dominierende Gefühle von Insuffizienz und permanente Überforderung.

Sonneck (1994) fügt dieser Symptom-Trias noch ein Stadium „vitaler Instabilität“ hinzu. Er führt als Symptome Depression, Erregbarkeit, Gehemmtheit, Ängstlichkeit, Ruhelosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Irritierbarkeit an.

Die Stadieneinteilung der Entwicklung des Burnout wird unterschiedlich gehandhabt, Freudenberger, der erstmals 1974 das Burnout beschrieben hat, unterscheidet 12 Stadien.

  • Stadium 1:    Der Zwang sich zu beweisen
  • Stadium 2:    Verstärkter Einsatz
  • Stadium 3:    Subtile Vernachlässigung eigener Bedürfnisse
  • Stadium 4:    Verdrängung von Konflikten  und Bedürfnissen
  • Stadium 5:    Umdeutung von Werten
  • Stadium 6:    Verstärkte Verleugnung der aufgetretenen Probleme
  • Stadium 7:    Rückzug
  • Stadium 8:    Beobachtbare Verhaltensänderungen
  • Stadium 9:    Verlust des Gefühls für die eigene Persönlichkeit
  • Stadium 10:    Innere Leere
  • Stadium 11:    Depression
  • Stadium 12:    Völliges Burnout – Erschöpfung

Die Erschöpfung umfasst das Befinden in allen drei Dimensionen des Menschseins, wie sie Frankl (1995) in seiner Anthropologie beschrieben hat.

  • Somatische Dimension: körperliche Schwäche, funktionelle Störungen (z.B. Schlaflosigkeit) bis zu Krankheitsanfälligkeiten.
  • Psychische Dimension: Lustlosigkeit, Freudlosigkeit, emotionale Erschöpfung, Reizbarkeit.
  • Noetische Dimension: Rückzug von Anforderungen und Beziehungen, entwertende Haltungen  zu sich und zur „Welt“.

Das Erleben von sich selbst und der Welt ist durch das anhaltende Ausbleiben der somato-psychischen Kraft von einem Gefühl der Leere gekennzeichnet, das mit einer zunehmenden geistigen Orientierungslosigkeit einhergeht. Zur Leere gesellt sich dann früher oder später ein Sinnlosigkeitsgefühl, das sich auf immer mehr Aspekte des Lebens ausweitet und schließlich das ganze Leben erfassen kann.

In der Existenzanalyse wird Burnout als eine Sonderform des existentiellen Vakuums gese­hen. Frankl definiert das existentielle Vakuum anhand von zwei Defiziten: dem Verlust des Interessens, was zur Langeweile führe, und dem Mangel an Initiative, was zur Apathie führe. Als Folge von Interessens- und Initiativeverlust trete ein abgründiges Sinnlosigkeitsgefühl auf.

Im Burnout lassen sich auch das Leere- und Sinnlosigkeitsgefühl finden. Die Apathie ist beim Burnout aber nicht als Folge, sondern eher als Ursache des Initiativeverlustes zu verstehen. Langeweile kommt beim Burnout dagegen nicht wirklich vor. Existenzanalytisch betrachtet kann das Burnout mit einem Defizit an echtem, existentiellem Sinn erklärt werden. Ein existentieller Sinn hat nämlich die Charakteristik, dass er zu inneren Erfüllung führt. Eine solche hält auch bei sich einstellender Müdigkeit und Erschöpfung an, weil der Bezug zu sich selbst und die erlebte Freiwilligkeit der Tätigkeit und ihre Werthaftigkeit immer in der Empfindung präsent bleiben. Ein Leben, das jedoch nur einem scheinbaren Sinn nachgeht, geht erlebnismäßig in die Leere. Ein solches Leben wird kräfteraubend, erzeugt Stress.

Statt der Freude am Geschaffenen wird bestenfalls Stolz für die Leistung empfunden. Stolz aber nährt nicht und wärmt nicht. Selbst Erholung und Entspannung ersetzen dann nicht die Leere, in die man sich täglich aufs Neue hineinmanövriert. Dem Menschen mit einem Burnout fehlt der existentielle Sinn für sein Handeln. Was dadurch zu kurz kommt, ist die personale Erfüllung. Burnout kann daher als eine Störung der Befindlichkeit bezeichnet werden, die aus einem Erfüllungsdefizit entsteht.

Thesen in der Existenzanalyse
Das Burnout ist der Endzustand von lang andauerndem Schaffen ohne Erleben. Das heißt echte Erfüllung in der Arbeit ist der beste Burnout-Schutz. Solange jemand mit Freude und Interesse an einer Sache arbeitet und dies erleben kann, ist er nicht in Gefahr, in ein Burnout zu rutschen, sondern auf dem Weg einer sinnvollen und erfüllenden Existenz.

  • Burnout entsteht nicht durch inhaltliche, sondern durch formale Motivation und führt daher zu einer Scheinzuwendung.
    Die Person erlebt sich dabei weniger „angezogen“ von einem Wert als „getrieben“ oder zur Tätigkeit „gedrängt“.
  • Im Burnout zeigt sich eine zweckgerichtete Lebenshaltung mit Verlust des Lebensgefühls.
  • Gefühle, Körper, Bedürfnisse und das Gespür für das Richtige werden beiseite geschoben, was zu einem Beziehungsverlust zu sich selbst führt. Ein Leben unter Missachtung des Eigenwertes des anderen und des eigenen Lebens bringt Stress mit sich. Dies ist existenzanalytisch die tiefste Wurzel von Stress – etwas zu tun, ohne es wirklich zu wollen und mit dem Herzen dabei zu sein.
  • Burnout und Stress entstehen durch ein Leben ohne innere Zustimmung zum Inhalt der Tätigkeit. Man hält sich fern, geht eigentlich keine Beziehungen ein, wenn man die innere Zustimmung zur Sache nicht gibt, wodurch eine Art „emotionaler Tod“ eintritt – die Arbeit wird unlebendig, wird leerer Ersatz für die fehlende Nähe und das ausbleibende Berührtsein.
  • Das Burnout ist eine Art Depression (Erschöpfungsdepression), die durch den langsamen Verlust von Lebenswerten entsteht.
  • Burnout ist die psychische Rechnung für ein schon langes verfremdetes, beziehungsarmes Leben.

Therapie und Prävention
In erster Linie ist die situative Entlastung im Vordergrund. Dies kann durch Abbau des Zeitdrucks, Delegation und Teilung von Ver­antwortung, Festlegen realistischer Ziele, durch Besprechen normativer Vorstellungen, Glau­benssätze und Denkmuster etc. geschehen.

Auch die Behandlung fehlender Autonomie und Autoritätskonflikten kann dabei von Bedeutung sein. Die existenzanalytische Behandlung des Burnout verlagert die Aufmerksamkeit von den äußeren Bedingungen auf die Haltung zum Leben und auf die Sinnstruktur, nach der das subjektive Leben ausgerichtet wird. Die Ausbildung authentischer, existentieller Haltungen stellt den eigentlichen „Gewinn“ dar, der aus einem durchgemachten Burnout zu ziehen ist.

Die Bedeutung von Entspannungsverfahren und Erholungszeiten ist prophylaktisch wesentlich, in der Existenzanalyse wird aber zuerst an den existentiellen Haltungen und situativen Einstellungen gearbeitet, da erst dann Entspannung und Erholung eine anhaltende Wirkung haben können.

Einige wesentliche existenzanalytische Fragen zur Prävention des Burnout:

  • Wozu mache ich das?
  • Mag ich das tun? Erlebe ich, dass es gut ist, sodass ich es gerne tue?
  • Gibt mir die Tätigkeit auch jetzt etwas?
  • Will ich dafür leben – will ich dafür gelebt haben?

Wer mehr als die Hälfte der Zeit mit Dingen beschäftigt ist, die er nicht gerne tut, nicht mit dem Herzen bei der Sache ist oder keine Freude hat, der muss früher oder später mit einem Burnout rechnen.

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